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Cradle to Cradle in der Bau- und Immobilienbranche

„Produkte sollten so hergestellt werden, dass am Anfang schon das Ende mitgedacht wird“, erläuterte der Erste Kreisbeigeordnete Heinz Schreiber das Prinzip von Cradle to Cradle. Und das sollte die Baubranche nicht ausschließen. Die rege Teilnahme heimischer Architekten und Bauplaner an der Info-Veranstaltung im Wetzlarer Kreishaus jedenfalls spricht für das gestiegene Interesse an nachhaltigem Bauen. Über 60 Gäste waren der Einladung Schreibers gefolgt, um mehr zu erfahren über „kreislauffähige, flexible, werthaltige und gesunde Immobilien“. Fachkundiger Referent des Nachmittags war Diplom-Ingenieur Valentin Brenner, Leiter des Expertenteams Cradle to Cradle bei der Firma Drees & Sommer. Er warb leidenschaftlich für ein Umdenken.

„Cradle to Cradle“ (abgekürzt C2C) bedeutet zu Deutsch „von der Wiege bis zur Wiege“ und steht für kontinuierliche biologische und technische Stoffkreisläufe. Gebrauchsgüter werden nach ihrer Nutzung in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegt und ohne Qualitätsverluste recycelt. Das Ziel: Eine Welt ohne Abfall. Der Lahn-Dill-Kreis beschäftigt sich seit seiner Auftaktveranstaltung mit C2C-Entwickler Prof. Dr. Michael Braungart im November 2015 verstärkt mit dem Thema. Es wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die auslotet, wie Cradle to Cradle im Lahn-Dill-Kreis Anwendung finden könnte. Ein Adressat ist die Bau- und Immobilienbranche. In Holland und Teilen der USA z.B. werden bereits ganze Büroviertel nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip erstellt.

„Die nächste Dekade wird vom Thema Stoffkreisläufe geprägt sein“, ist sich Valentin Brenner sicher. Alle Prognosen gingen von einer weiteren Verschärfung des Wettlaufs um Rohstoffe aus. Im rohstoffarmen Deutschland habe man zu lange nur auf das Thema Energieeffizienz geschaut, dabei verursache die Baubranche rund 50 Prozent des Rohstoffverbrauchs und nahezu 60 Prozent des Abfallaufkommens. Das sogenannte Circular Engineering nach den Prinzipien des C2C kombiniert drei bisher isoliert betrachtete Aspekte: die sortenreine Trennbarkeit, die Demontierbarkeit und die Schadstofffreiheit. Das Gebäude wird zum Rohstoffdepot. Dafür müsse man jedoch wissen was drin steckt. Eine gemeinsame Aufgabe für Hersteller und Planer.

Automobilindustrie als Vorbild

Ein Vorbild für das Bauwesen sieht Brenner in der Automobilindustrie, die seit der EU-Altautoverordnung aus dem Jahr 2015 zu 95 Prozent recycelbare Bauteile einsetzt. IDIS, das International Dismantling Information System, hilft später bei der Zerlegung der Baugruppen. Dagegen sei das Recycling in der Baubranche steinzeitlich. Viele Bestandteile lassen sich schlichtweg nicht mehr trennen. Er veranschaulichte das Dilemma am Beispiel einer einfachen Außenwand. Vom Mauerwerk bis zum Anstrich seien rund 20 Materialschichten meist untrennbar miteinander verbunden. Oder Flachglas. Bis heute gäbe es kaum eine Glasfabrik, die Flachglas recycelt so wie es bei Hohlglas wie Weinflaschen und Konservengläsern Standard ist.

Valentin Brenner verwies auf eine Reihe kreislauffähiger und chemisch unbedenklicher Produkte und stellte Alternativen zu herkömmlichen Verfahren vor wie z.B. einen vollständigen recycelbaren Teppichboden für die rückstandslose Demontage, einen vollständig recycelbaren Hartschaum ohne giftige Flammschutzmittel oder einen metallischen Klettverschluss sowie andere Möglichkeiten, um auf nichtlösbare Materialverbindungen verzichten zu können. Und denke man diesen Ansatz einmal konsequent weiter, stelle sich irgendwann zwangsläufig die Frage: Warum sollte ein Wohnungseigentümer seinen Teppich eigentlich noch kaufen, wenn er ihn auch leasen kann und nach Gebrauch rückstandsfrei entfernt und abgeholt bekommt.

Material-Pass für Gebäude

Produktverantwortung lautet das Stichwort. Über Recycelfähigkeit, Rohstoffwerte und Baubiologie eines Gebäudes könnte ein Material-Pass Auskunft geben – ähnlich dem Energieausweis. Das meist fachkundige Publikum nahm die Ausführungen mit Interesse auf, stellte aber auch die Frage nach den Mehrkosten für ein nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien gebautes Gebäude. Laut Brenner würden die Investitionskosten nur ca. vier Prozent über denen eines konventionell geplanten Gebäudes liegen. Aber die ersten Projekte im Lahn-Dill-Kreis müssten ja nicht gleich zu 100 Prozent Cradle to Cradle sein. „Wir wollen sensibilisieren für ein noch nachhaltigeres Bauen“, sagte Heinz Schreiber und versprach, der Kreis werde am Thema Cradle to Cradle dran bleiben. Und was wird aus der Abfallwirtschaft des Lahn-Dill-Kreises, wenn es in Zukunft tatsächlich mal keine Abfälle mehr geben sollte? Die werde zum Rohstoffmanager und somit noch bedeutsamer, meinte Brenner zu Abschluss.